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Klinikum Neustadt am Rübenberge


Aus: neue energie, Nr. 2, Februar 2003

 

Die beste Gesundheitsprophylaxe

 

Energiesparen ist in Krankenhäusern bisher kaum angesagt - dabei liegen gerade im Energiemanagement gewaltige Einsparpotenziale

 

Heinrich Roth kennt sie alle die Energielecks in "seinem" Krankenhaus in Neustadt am Rübenberge, rund 40 Kilometer nordwestlich von Hannover. Seit nunmehr 18 Jahren spürt der Betriebsingenieur ihnen nach und stopft sie, wo immer es möglich ist. Sein Büro im Erdgeschoss des siebenstöckigen Gebäudes erzählt die Geschichte der jahrelangen Arbeit: Die Schränke sind gefüllt mit Aktenordnern über die mehr als 40 Einzelmaßnahmen, die den Energieverbrauch mittlerweile um 40 Prozent gegenüber 1984 gesenkt haben. Unterlagen über neue Heizkessel, die dem tatsächlichen Bedarf der Klinik angepasst wurden, eine Wärmerückgewinnungsanlage und einen geschlossenen Kühlkreislauf sind nur einige Zeugen der Veränderungen, die in den Ordnern dokumentiert sind. In den Schubladen unter den Schränken stapeln sich die gesammelten Betriebstageblätter mit zahllosen Graphiken und Tabellen.

 

Im Dezember vergangenen Jahres erhielt der 54-jährige, gelernte Maschinenschlosser die Anerkennung für seine unermüdliche Arbeit: der Bund für Umwelt and Naturschutz Deutschland (BUND) zeichnete das Hospital mit dem Gütesiegel "Energie sparendes Krankenhaus" aus. Das Siegel vergibt der Umweltverband seit Mai 2001 nur an die Kliniken, die entweder in den letzten drei Jahren ihren Energiebedarf um 25 Prozent gesenkt haben oder Verbrauchswerte aufweisen, die deutlich unter dem Durchschnitt liegen. Es ist das einzige Gütesiegel dieser Art, das ausschließlich an Krankenhäuser vergeben wird.

 

Über Gespräche mit der Berliner Energieagentur sind wir auf den enormen Energieverbrauch in den deutschen Kliniken aufmerksam geworden", erläutert Thomas Löschmann vom BUND die Motivation für die Kampagne. Rund 29.000 Kilowattstunden Wärme sowie 7.000 Kilowattstunden Strom verbraucht ein durchschnittliches Hospital mit 300 bis 600 Betten - pro Bett und Jahr. Diese Zahlen hat die Eta Energieberatung GbR aus Pfaffenhofen errechnet, deren Ingenieure in den letzten sechs Jahren die Verbrauchswerte von mehr als 300 der bundesweit insgesamt 2.200 Krankenhäuser erfasst and ausgewertet haben. "Dabei liegt der Energieverbrauch pro Bett bei größeren Krankenhäusern mit mehr als 1.000 Betten deutlich höher als bei kleineren Häusern mit weniger als 300", erläutert Eta-Energieberater Klaus Rataj.

 

Nach Statistiken der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) machen die Energiekosten rund drei Prozent eines Krankenhausetats aus. Dieser niedrige Wert ist leicht irreführend, denn in absoluten Zahlen kommt einiges zusammen: Im Jahr 2000 mussten die Krankenhausdirektoren nach DKG-Angaben für Strom und Wärme die stolze Summe von 1,6 Milliarden Euro hinblättern. Diese Ausgaben ließen sich reduzieren, denn gerade im Energiemanagement liegen für die Krankenhäuser gewaltige Einsparpotenziale. Gestutzt auf mehrere Untersuchungen spricht die Krankenhausgesellschaft von round abound 20 Prozent - gemessen an den Ausgaben für das Jahr 2000 kommen so immerhin 320 Millionen Euro zusammen.

 

Für Othmar Verheyen sind diese Zahlen keine Überraschung. Der Diplom-Physiker vom Institut für Energie- and Umweltverfahrenstechnik an der Universität Duisburg hat selbst mit einer Arbeitsgruppe mehrere Krankenhäuser untersucht: "Das Alltagsgeschäft ist für das Personal schon stressig genug, als dass sich einer gezielt um Energiefragen kümmert. Wenn da nicht jemand ist der das Energiesparen zu seinem Steckenpferd macht, passiert meist gar nichts." Angesichts des wachsenden Kostendrucks im Gesundheitssektor prognostiziert Verheyen: "Das Einsparvolumen werden die Kliniken nicht mehr länger links liegen lassen. Die Konkurrenz untereinander ist groß, und die für dieses Jahr vom Bundesgesundheitsministerium angedeutete Nullrunde setzt die Krankenhausleitungen zusätzlich unter Druck."

 

Strom- und Wärmefresser gibt es in Krankenhäusern mit ihrem 24-Stunden-Betrieb genug: Angefangen von der Beleuchtung über Klimaanlagen und Aufzüge bis hin zu Umwälzpumpen für die Heizanlage. Zu den größten Stromfressern zählen die modernen elektrischen Geräte wie Computer- und Kernspin-Tomographen. Doch fast ebenso umfangreich wie die Verbrauchsherde sind die Einsparmöglichkeiten: Über Energiesparlampen und Bewegungsmelder, eine tageslichtabhängige Beleuchtung und eine rationelle Planung der Zimmerbelegung ließe sich eine Menge Strom sparen. "Allerdings brauchen die modernen medizinischen Geräte immer mehr und häufiger elektrische Energie, so dass die Sparmaßnahmen vom Mehrverbrauch fast neutralisiert werden", gibt Michael Kralemann zu bedenken. Der Mitarbeiter der Niedersachsischen Energie Agentur GmbH ist auch Mitglied beim BUND in Niedersachsen.

 

Effektiver seien Aktivitäten im Wärmesektor, weiß Kralemann. In gut isolierten Zimmern lassen sich die im Krankenhaus üblichen 22 bis 23 Grad sparsamer erreichen als in schlecht gedämmten Räumen. Vor allem aber stimmen die Leistungen der Heizkessel häufig nicht mit dem tatsächlichen Bedarf überein. Wie im Krankenhaus Neustadt am Rübenberge, wo Mitte der Achtzigerjahre ein Kessel mit einer thermischen Leistung von 4,5 Megawatt (MW) den tatsächlichen Spitzenbedarf von 1,4 MW erzeugte. Energiefachmann Kralemann: "Oft läuft auch die Heizungspumpe auf vollen Touren, selbst wenn nur ein Drittel der Heizkörper aufgedreht sind. Ein Druckmessgerät im Heizsystem kann diesen unnötigen Energieverbrauch stoppen."

 

Bislang haben sich nur wenige Kliniken einen sparsamen Umgang mit den Ressourcen und damit eine Verringerung der Kohlendioxid Emissionen auf die Fahnen geschrieben. Neben den bislang sieben vom BUND ausgezeichneten Krankenhäusern in Berlin, Niedersachsen und Thüringen gibt es siebzig weitere, die mit einem Emas-Zertifikat ihr Energiebewusstsein dokumentieren. Emas (Eco-Management and Audit Scheme) steht für ein europäisches Umwelt-Audit-System, mit dem sich Unternehmen und Organisationen in den EU-Mitgliedstaaten ihr umweltbewusstes Verhalten bestätigen lassen können.

 

"70 zertifizierte Krankenhäuser - das sind immerhin rund vier Prozent aller deutschen Hospitäler", sagt Johannes Watterott nicht unzufrieden. Der gelernte Agraringenieur ist seit zwei Jahren Ökologiebeauftragter aller Krankenhäuser in Essen. Sämtliche 20 Kliniken in Stadt und Umkreis der Ruhr-Metropole haben sich bereits vor mehr als zehn Jahren zum Arbeitskreis Ökologie zusammen geschlossen, um die Umweltstandards in den einzelnen Häusern zu verbessern. "Seit damals hat sich viel geändert", freut sich Watterott. Rund die Hälfte aller Krankenhäuser könne heutzutage einen Ökologiebeauftragten vorweisen, der sich neben der Abfallvermeidung, der Entsorgung alter Medikamente und einem sparsamen Umgang mit Wasser immer häufiger mit einem rationellen Energieeinsatz beschäftigt.

 

"Es könnte mehr passieren", meint hingegen Watterotts Vorgänger Horst Pomp. Seit Beginn der Siebzigerjahre engagiert sich der Mediziner für mehr Umweltschutz in den deutschen Krankenhäusern. Aus seinen Erfahrungen weiß er: "Ein grundsätzliches Umdenken wäre nötig - aber kaum jemand will seine Gewohnheiten ändern." Wenn es nach Horst Pomp ginge, musste der Preis für Strom, Öl and Gas erheblich höher liegen - "erst wenn die Energiekosten tatsächlich Arbeitsplätze gefährden, würden die Menschen über ihr eigenes Verbraucherverhalten nachdenken", vermutet Pomp.

 

Wobei viele Arbeitsplätze auch ohne steigende Energiepreise gefährdet sind. "Die Krankenhäuser werden in den nächsten Jahren sparen müssen", prognostiziert Antje Walther, Pressesprecherin der Techniker Krankenkasse .Wie und wo diese Einsparungen gemacht werden, dass ist sowohl der TKK als auch der AOK egal. "Wir reden den einzelnen Häusern nicht in ihren Haushaltsplan", betont Walther.

 

Wenn etwas passiert im rationelleren Umgang mit der Energie, dann geschieht das auf Eigeninitiative der einzelnen Hauser. Wie im Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin-Zehlendorf, wo bereits vor fünf Jahren über Einsparmaßnahmen diskutiert wurde. "Die ersten ernsthaften Überlegungen entstanden aus dem ständig steigenden Ölpreis Ende der Neunzigerjahre", erinnert sich der Technische Leiter Walter Löhr. Von Anfang an sei die Krankenhausleitung sehr engagiert bei der Sache gewesen, betont er ein ums andere Mal. Konkretisiert wurden die ersten Ideen Ende 2000, nachdem mit der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG ein Contractor gefunden werden konnte, der die Umbaumaßnahmen finanzieren wollte.

 

Heute verbraucht das 300 Betten-Krankenhaus nur noch die Hälfte der Energiemenge, die es Ende der Neunzigerjahre benötigt hatte. "Die fünf Heizkessel können heute einzeln je noch Bedarf zu- oder abgeschaltet werden", erklärt Löhr. Die Lüftungsanlage laufe erheblich rationeller, und statt Öl werde mittlerweile mit Gas geheizt. "Aber es sind vor allem die vielen Einzelmaßnahmen, die zu dem großen Erfolg geführt haben", betont der Technische Leiter des Hubertus-Krankenhauses.

 

Im Mai 2001 erhielt die Klinik das erste BUND-Gütesiegel. "Wir waren für den Umweltverband ein gefundenes Paradebeispiel, mit dem er seine Kampagne starten konnte", sagt Löhr. Eine Kampagne, die mit der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Lage der Krankenhäuser künftig sicher noch an Bedeutung gewinnen wird. "Vor allem", unterstreicht der Essener Arzt Horst Pomp nachdrücklich, "ist es auch eine Verpflichtung der Krankenhäuser, ihren Beitrag zu einer gesunden Umwelt zu leisten. Schließ1ich ist Umweltschutz die beste Gesundheitsprophylaxe."

 

Text: Andrea Horbelt

 

 

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